Let's catch the lion
WO JAPANISCHE KÜKEN ZU LÖWEN WERDEN:
"Krieger und Schlachten gehören der Vergangenheit an!"
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Schnell sollen neue Spiele sein, überschaubar das Regelwerk und rasch zu memorieren, und am besten wird auch noch gewürfelt, das ist Konsens unter den Autoren hierzulande. Dass es auch anders gehen kann, beweisen zwei Japanerinnen. Madoka Kitao (29) und Maiko Fujita (36), ihres Zeichens Vollprofis im "Shogi", das ist die regionale Schachvariante ihrer Heimat, haben die lustige Löwenjagd "Let's Catch The Lion" erfunden. Planung, Taktik, räumliche Vorstellungskraft und auch ein bisschen Knobelei sind dabei angesagt, und trotzdem ist das Spiel im fernöstlichen Kaiserreich ein Hit und bricht unter dem japanischen Namen "Dobutsu Shogi" alle Verkaufsrekorde. Mit der in Tokio lebenden MAIKO FUJITA, die für die Optik des Überraschungsprojekts verantwortlich zeichnet, spricht der Hamburger Autor RENÉ GRALLA:
Quelle: Dr. René Gralla, Originalartikel in NEUES DEUTSCHLAND
MAIKO FUJITA, Bild: privat
RENÉ GRALLA: Ihr Spiel ist auf Anhieb ähnlich gut eingeschlagen wie Monopoly bei der japanischen Markteinführung Anfang der 80-er Jahre!
MAIKO FUJITA: Ich bin selber überrascht, einen derartigen Boom habe ich nicht vorausgesehen. Offenbar haben viele Eltern bloß darauf gewartet, dass an Stelle von E-Games und technischen Artikeln für das Einzelkind endlich mal wieder ein Spiel veröffentlicht wird, das den Intellekt anregt und die Kommunikation fördert. Das lässt mich glauben, dass doch noch mehr in dieser Richtung möglich ist. Schließlich profitieren Kinder sehr davon, wenn sie entdecken, wie spannend Brettspiele sein können.
R.GRALLA: Die Regeln von "Let's Catch The Lion"?
MAIKO FUJITA: Fangen Sie den gegnerischen Löwen, haben Sie gewonnen. Desgleichen, falls Sie es schaffen, Ihren eigenen Löwen in das fremde Revier zu dirigieren, das heißt, von Ihnen aus gesehen auf die letzten drei Felder nebeneinander.
R.GRALLA: Der Löwe ist demnach der wichtigste Akteur. Seine Entourage ist ein kleiner Zoo ...
MAIKO FUJITA: ... das sind der Elefant, die Giraffe und das Küken. Die Tiere haben unterschiedliche Zugmöglichkeiten: einen Schritt diagonal der Elefant, einen Schritt vorwärts, rückwärts oder orthogonal seitwärts die Giraffe. Der Löwe beherrscht jedes benachbarte Quadrat, das Küken bloß das Viereck direkt vor ihm. Dafür verwandelt sich, indem Sie den betreffenden Stein einfach umdrehen, das Küken in ein Huhn, sobald es die Grundreihe des Kontrahenten erreicht, und wird fast so stark wie ein Löwe. Wichtig: Nehmen Sie dem Spielpartner ein Tier ab, wechselt das in Ihr Lager.
R.GRALLA: Offenbar haben Sie eine stark reduzierte Form der japanischen Schachversion Shogi kreiert.
MAIKO FUJITA: Genau das ist die Grundidee. Neueinsteiger werden meist überfordert vom normalen Shogi mit seinen 81 Feldern und 20 Steinen für jede Partei. Wie sollen es Anfänger schaffen, den König des Konkurrenten matt zu setzen? Deswegen haben wir unser Projekt "Let's Catch The Lion" gestartet, zwei mal vier Steine auf zwölf Feldern, vereinfacht und komplex genug, um elementare Strategien einzuüben.
Bild: Dr. Gralla (im Spielzeugmuseum Tokyo - MADOKA KITAO im blauen Kimono)
R.GRALLA: Ihre Zielgruppe?
MAIKO FUJITA: Kinder, junge Mädchen und Frauen. Madoka Kitao und ich wollten den Trend nicht hinnehmen, dass immer weniger Kinder japanisches Schach lernen. In meiner Heimat sind es mehrheitlich die Mütter, die sich um die heranwachsenden Töchter und Söhne kümmern, während die Väter zur Arbeit gehen. Entsprechend suchen auch die Mütter das Spielzeug aus. Traditionelle Shogisteine sind eher dunkel koloriert, und deswegen schwebte mir eine nettere und dekorative Alternative vor, die auch Mütter anspricht. Weil der Set den Kindern Lust macht, das Spiel auszuprobieren.
R.GRALLA: Statt der Tiersymbole hätten Sie für die Steine auch Bilder wählen können, die dem großen Vorbild näher kommen. Zum Beispiel Männchen im Stil der Bauern - und keine Küken!
MAIKO FUJITA: Im Gegenteil, denken Sie an ein süßes Küken, das vorsichtig trippelt, perfekt passt das zur Figur des Bauern. Das moderne Japan ist eine friedliche Nation. Wir glauben, dass Krieger und Schlachten der Vergangenheit angehören. Wir Frauen lehnen den Krieg ab und fassen ganz konsequent auch das japanische Schach nicht mehr als ein militärisches Spiel auf, das Truppenmanöver simuliert.
Folgerichtig repräsentieren die von Ihnen erwähnten Bauern aus meiner Sicht keine Kämpfer. Ich habe die Figuren in Tiere transformiert, die auch meinem Sohn gefallen, der das Kindergartenalter erreicht hat. Die Klötze aus Holz, die zu "Let's Catch The Lion" gehören, können als erster Schritt übereinander gestapelt werden, schlicht um etwas zu bauen, so beginnen Babys und Mütter zu spielen. Anschließend sprechen sie über die bunten Tierbilder, und so nähern sich die Kinder behutsam der Welt des Shogi an.
R.GRALLA: Bringen Sie Ihr Spiel demnächst auch in Deutschland auf den Markt?
MAIKO FUJITA: Meine Partnerin Madoka Kitao bereitet das gerade vor.
"Let's Catch The Lion" (Dobutsu Shogi) für 2 Spieler ab 4 Jahren; Verlag Japon Brand; weitere Informationen: http://japonbrand.gamers-jp.com
MAIKO FUJITA, Bild: privat
